2. Werte-Mission-Vision

Was das Unternehmen tut, ist von entscheidender Bedeutung: Das Wohlergehen der Menschen fördern ist die vorrangige Aufgabe von Unternehmen. Das Geschäft soll zum Glück der Menschen beitragen und dieses fördern. Nicht alle Unternehmen haben diesen Fokus bei der Gründung, einige andere Unternehmen verlieren ihn bei ihren Aktivitäten. Die Werte, die Mission und die Vision verdeutlichen und konkretisieren die Aufgaben des Unternehmens. Sie sind das Fundament des Hauses: Nur beim Bau sichtbar, aber alles tragend. Das Fundament bildet die Basis des Hauses. Es stützt und unterstützt. Es stabilisiert. Es trägt und erträgt. Wenn das Fundament nicht stark und gesund ist, dann wird es das Haus nicht tragen können. Das Haus bleibt nicht stehen: Es bricht ein. Ein Wachstum des Hauses ist somit erst recht nicht möglich. Das Haus muss vielleicht sogar vorzeitig wegen Baufälligkeit geschlossen werden. Es darf nicht mehr betreten werden. Das Fundament des Unternehmens-Hauses bilden Werte, Mission und Vision. Was bedeuten Werte, Mission und Vision für ein Unternehmen? Werte sind das, woran sich Menschen orientieren. Sie repräsentieren Kulturen, Meinungen, Erziehung. Sie stellen die tiefliegenden Gründe und Motivationen der Menschen für deren Handeln (oder Nicht-Handeln) dar. Die Vision zeichnet das langfristige Bild von der Zukunft. Eine Vorstellung von dem was sein könnte. Etwas, was weit weg genug ist, um Inspiration und Motivation auszulösen, was aber auch gerade noch realistisch genug ist um auch langfristig am Erreichen glauben zu können. Eine Vision ist aber auch gleichzeitig so herausfordernd, dass es die Menschen nachhaltig motiviert, der Vision entgegenzustreben. Unabhängig davon, wo wir uns heute befinden und unabhängig von Logik und Vernunft. Es ist ein emotionales Wunschbild der Zukunft. Etwas, was heute nur in der Vorstellung existiert. Die Mission schließlich zeigt den Weg vom Hier und Jetzt zur Vision auf. Sie beschreibt, basierend auf den Werten, wie dieser Weg zum Erreichen der Vision aussehen kann. Was die ersten Schritte sind und wie diese gegangen werden können. Sie schafft also den Handlungsrahmen und lässt somit die Vision nicht in einer unerreichbaren, anderen Welt, sondern sie zeichnet den Weg vor. Auf diesem Weg begleiten uns die Werte und die Faszination für das Erreichen der Vision. Die Mission ist somit wie ein Navigationsgerät zum Erreichen der Vision. Ein so geschaffenes Fundament aus Werte, Mission und Vision kann kleine, mittlere und auch gigantische Unternehmenshäuser tragen.

Werte: Ist es das wert?
Werte sind zeitlos und stimmungsneutral. Sie geben Orientierung und Sinn. Sie liefern das Fundament für das langfristige und tägliche Handeln. Und wenn es mal hektisch oder stressig zugehen sollte, so sind sie wie Leuchttürme in der stürmischen See.

Werte sind nachhaltig und zeitbeständig. Gerade in schwierigen Zeiten geben Sie Orientierung und Entscheidungshilfen. Jede Tätigkeit und jedes Produkt sollte auf diesen Werten basieren. Nur wertebasiert handelnde Menschen sind als Bewohner im Unternehmenshaus willkommen. Menschen, die nicht wertebasiert handeln, könnten kurzfristige Besucher sein, aber sie werden niemals einziehen. Das gilt für mich selbst, für die Mitarbeiter, die Partner, die Lieferanten und auch für die Kunden. Für mein Unternehmenshaus gilt: Ich gebe meine Werte vor. Es ist mein Fundament. Ich lege für mich fest, was mir persönlich wichtig, was mir wertvoll ist. Menschen mit völlig anderen Werten (oder ohne Wertebewusstsein) sind dann Gäste, sie werden sich aber auf meinem Wertefundament nicht wohl fühlen. Mitarbeiter, die nicht wertebasiert denken und handeln, Partner denen meine Werte gleichgültig sind, Lieferanten die meine Werte nicht stützen, sind letztlich Zeitdiebe: Sie nehmen mir das Wertvollste, was ich besitze: Meine Lebenszeit. Dies gilt dann natürlich auch für Kunden. Ich habe unnötig Lebenszeit mit Menschen verbracht, die ich als nicht wertebasiert handelnd bezeichnen würde. Wenn ich an Projekte denke, die zu Ärger und Problemen möglicherweise bis hin zu persönlichen Anfeindungen geführt haben, dann waren es immer unterschiedliche Wertvorstellungen der Beteiligten, die zu diesen Problemen geführt haben. Wenn ich mich mit den Beteiligten vorher auf ein gemeinsames Wertefundament verständigt hätte, dann wäre es zu diesen Konflikten erst gar nicht gekommen. Wenn ich mich vorher nicht auf ein gemeinsames Wertefundament hätte einigen können, dann wäre es nicht zu diesem Projekt gekommen und somit ebenfalls nicht zu den Problemen. Ich denke, dass das ein sehr wichtiger Punkt in der Zusammenarbeit ist: Erst das Wertefundament hinterfragen und danach über eine Kooperation nachdenken. Nicht umgekehrt. Hierbei geht es nicht um richtig oder falsch, also um richtige oder falsche Werte, es geht darum, ob wir dieselben Werte teilen oder diese zumindest sehr nah beieinander sind. Andere, konträre Werte bedeutet anderes Haus, in dem diese Menschen leben und sich dort auch sicherlich dann wohler fühlen.

Klären Sie das Wertefundament vor der Zusammenarbeit mit anderen? Welche Erfahrungen haben Sie mit Menschen gemacht, wo sich erst danach zeigte, dass denen ganz andere Werte wichtig sind?

Ein echter Freund?
In persönlichen Beziehungen ist es bei Freundschaften in der Regel meistens so: Ich hinterfrage zuerst, ob ich die andere Person mag, was letztlich auch bedeutet, ob ich ähnliche Werte teile, bevor ich sie zu meinen Freunden zähle. Mit Freunde meine ich hier reale Freunde und keinen virtuellen wie bei Facebook & Co. Das ist auch einer der Gründe, warum ich dem Begriff „Freund“ bei Facebook & Co. ablehnend gegenüberstehe: Die meisten Freundschafts-Anfragen in Facebook bekomme ich von Personen, die ich vielleicht einmal oder sogar noch nie kennengelernt habe. Ich kann gar nicht auf Basis eines flüchtigen Kennenlernens erkennen, welche Wertebasis die andere Person hat. Die Person hat es bei einer rein digitalen Kontaktaufnahme auch sehr leicht, mich zu täuschen. Wie kann ich dann einer Freundschaftsanfrage unter dem Begriff „Freund“ ehrlichen Herzens zustimmen? Ich kann es nicht. Es ist somit unehrlich. Noch schlimmer finde ich, dass ich bei Zustimmung all diejenigen, denen ich vorher bereits meine Freundschaft bestätigt habe, auf eine Stufe mit dieser flüchtigen Freundschaft stelle. Aber genau darum geht es bei Werten: Passt die Person zu mir und meinen persönlichen Werten? Passt sie zu meiner Überzeugung? Für alle Menschen, die im Unternehmenshaus wohnen oder wohnen wollen, sollte ich genau das hinterfragen: Könnte ich mir aus heutiger Sicht mindestens vorstellen, dass er ein Freund, ein echter Freund, werden könnte? Wenn ich mir nicht sicher bin, dann sollte ich darüber nachdenken, ob er ins Unternehmenshaus einziehen sollte. Zumindest sollte ich mir sein Verhalten dann genau ansehen und auf die Probe stellen. Eine Probezeit kann man übrigens nicht nur mit Mitarbeitern sondern auch mit dem Kunden vereinbaren. Welche Ihrer Mitarbeiter, Partner, Lieferanten und Kunden hätten eine Probezeit verdient? Bei welchen sind sie sich sicher, dass sie andere Werte haben, als Sie selbst? Warum geben Sie dann diesen Menschen nicht die Chance, sich woanders frei zu entfalten? Was passiert, wenn die in Ihrem Unternehmenshaus irgendwann in der Überzahl sind? Was für ein Unternehmen hätten Sie dann? Wäre es noch „Mein Unternehmen“ oder würde ich dort nie mehr wohnen wollen?

Negatives ist stärker
Leider speichert der menschliche Organismus (Hirn und Herz) negative Erfahrungen viel intensiver als positive Erlebnisse, denn die Vermeidung von Problem- und Stress-Situationen hat viele Jahrtausende über unser Überleben entschieden, daher diese evolutionär geförderte Priorisierung negativer Ereignisse. Von den Immer-Glücklich-alle-Menschen-sind-meine-Freunde-Menschen stammen wir nicht ab: Sie wurden gefressen (und wahrscheinlich grinsten sie auch dabei noch). In der heutigen Zeit geht es glücklicherweise nicht mehr um existentielle Fragen wie das Überleben. Es geht um meine Lebenszeit, um meine Lebensqualität. Und die Qualität meines Lebens ergibt sich direkt aus den Menschen mit denen ich mich umgebe. In der heutigen Zeit haben wir die freie Wahl, mit welchen Menschen wir uns umgeben wollen! Das ist eine der größten Erfolge unserer westlichen Welt: Ich muss mich nicht mit dieser Person umgeben, ich kann.

Was ist dir wertvoll? Provozieren Sie!
Probleme entstehen oft dadurch, dass ich eben nicht vorher das Wertefundament abgestimmt habe. Diese Probleme ließen sich einfach vermeiden: Fragen Sie nach den Werten des anderen. Ganz einfach. Machen leider die wenigsten. Aber auch wenn Sie diese Frage als „zu persönlich“ oder schwierig finden, gibt es eine Fülle von Möglichkeiten, die Werte des anderen zu erkennen. Letztlich erkennen Sie diese Werte nicht am Sagen sondern am Handeln. Wenn Menschen durch ihr Handeln bekunden, welche Werte sie haben, wenn sie also ihre Werte leben, kann ich das be-werten. In meiner Erfahrung zeigen sich die tief verankerten Werte insbesondere in Stress-Situationen. Wenn alles gut läuft und ich Zeit habe, dann könnte der andere mir etwas vorspielen und seine wahren Werte bewusst oder unbewusst verbergen. In solchen Situationen ist es also nicht gerade einfach, die tatsächlichen Werte des anderen zu erkennen. In einer Problemsituation, die idealerweise noch mit wenig Zeit also mit Druck verbunden ist, sieht das schon ganz anders aus: Es bleibt keine Zeit und es fehlt die Gelassenheit, dem anderen etwas vorzuspielen. Das „wahre Gesicht“ kommt zum Vorschein.

Wie kann ich also möglichst schnell sicherstellen, dass der andere ähnliche Werte teilt, wie ich? Wenn sich seine Werte insbesondere in einer schwierigen Phase offenbaren und ich ihn erst dann wirklich einschätzen kann, dann sind gerade die unangenehmen Momente die wichtigsten. Genau diese Überlegung verschafft mir in solchen Stress-Situationen eine enorme Gelassenheit, denn genau dann, wenn es mal schwieriger, stressiger und vielleicht auch lauter werden sollte, habe ich die ideale Chance, meine wahren Werte zu offenbaren. Meine Erfahrung ist, dass Menschen in Zeiten, in denen es ihnen gut geht, sehr viele Freunde haben. Jedoch die wahren Freunde sich in genau den Zeiten offenbaren, in denen es ihnen nicht gut geht. Das ist Lichtjahre vom Begriff der Facebook-Freunde mit von Computer automatisch generierten Geburtstags-Glückwünschen entfernt.

Aufgrund dieser Überlegung, dass Werte sich oft erst dann zeigen, wenn sie auf die Probe gestellt werden, also wenn es schwierig und hektisch wird, respektiere ich schwierige Situationen. Ich wertschätze diese Art Probleme und auch Konfrontationen. Natürlich nur mit den Menschen, bei denen ich mir vorstellen kann, dass sie ein ähnliches Wertefundament haben, also bereits existierende oder zumindest potentielle Freunde. Bei Menschen, bei denen ich bereits weiß, dass sie andere (oder keine) Werte haben, entscheide ich, dass ich nicht mitmache. Zum Streiten gehören mindestens zwei Personen. Wenn ich keinen Sinn darin sehe, weil die andere Person andere Werte hat oder weil ich mir sicher bin, dass ich dessen Werte nicht kennenlernen mag, dann entscheide ich, dass der andere keine Chance bekommt, sich mit mir zu streiten. Ich gehe dem Streit aus dem Weg und reagiere nicht. Das rettet mir jedenfalls viele Lebenstage und bewahrt mir ein optimistisches und positives Gemüt. Der andere hat ja sowieso Recht. In seiner Welt. Ich achte dann allerdings auch darauf, dass seine Welt und meine Welt nebeneinander und nicht miteinander existieren. Ich respektiere andere Welten, muss aber dort nicht Urlaub machen und schon gar nicht leben. Übrigens: Das sich auf einen Streit nicht einlassen, ärgert die andere Seite meist deutlich mehr, als zu reagieren. Ergebnis: Noch mehr Gelassenheit für meine Welt, noch mehr Stress in der seinigen. Ohhmmmm.

Welche Streitigkeiten haben sich aus Ihrer Erfahrung im Nachhinein wirklich gelohnt? Bei welchen Streitigkeiten war es die Zeit, die Energie und die Person wert, sich darüber mit ihr zu streiten? Und die wichtigste Frage: Wie sehr hat sich die Beziehung zu dieser Person nach dem Streit verbessert? Streiten Sie! Aber nur, wenn es wert-voll ist. Ansonsten grinsen Sie einfach und stellen sich den Gegenüber nackend auf einem Schwein reitend vor. Armes Schwein. Also, das obere der beiden.

Probleme annehmen!
Wenn ich zurückblicke, dann habe ich am meisten in schwierigen und stressigen Situationen gelernt. Jedes Problem, jede Stress-Situation ist somit eine Chance. Eine Chance, etwas zu lernen! Eine Chance meine eigenen Werte und deren Belastbarkeit zu prüfen! Eine Chance, eine deutlich bessere Beziehung zu den am Problem beteiligten Personen aufzubauen. Aber insbesondere auch eine Chance, mehr über mich selbst zu erfahren. Ein Leben ohne Probleme und Stress ist langweilig und damit wortwörtlich zu lang–weil–ich mich nicht auf die Probe stellen muss. Weil ich keine Herausforderung annehmen muss. Weil ich keine Ergebnisse erreichen kann, ohne Probleme zu lösen. Weil ich erst dann Erfüllung spüren kann, wenn ich ein wirkliches Problem, eine wirkliche Herausforderung im Idealfall gemeinsam mit anderen gemeistert habe. Suchen Sie nach Problemen! Welches war das herausforderndste Problem der letzten Woche? Wie haben Sie es gelöst? Welche Ihrer Werte haben sich dadurch offenbart?

Verträge zum Vertragen?
Wenn sich die Menschen im Unternehmenshaus zu ihren Werten bekannt haben, dann ist das eine wichtige Grundlage, belegt aber noch nicht, dass sie auch tatsächlich danach handeln werden. Letztlich wissen Sie es erst nach der ersten Krise. Wenig beruhigend, oder? Wenn Sie aber schon diverse schwierige Nicht-Krisen-Situationen gemeistert haben, dann können Sie auch ohne Krise zu einem wertebasierten Team wachsen. Werte werden dann zu einem festen Fundament für alle. Sie werden zu einer treibenden Kraft. Sie werden zur Grundlage aller Entscheidungen. Sie stellen die Basis für das vertrauensvolle Miteinander dar. Sie sind viel mehr als Verträge und Vereinbarungen.

Wertebasierte Beziehungen brauchen keine Verträge. Sie gehen vom Vertragen aus und sie schaffen es in Situationen, in denen das Vertragen auf die Probe gestellt wird, sich genau an diesen Werten zu orientieren und nicht an etwas, was vertraglich vereinbart wurde, zu einem Zeitpunkt, an dem diese schwierige Situation noch gar nicht vorhersehbar war. Da es naturgemäß auch für Juristen unmöglich war, an alle Eventualitäten zu denken, haben sie die sogenannte salvatorische Klausel eingeführt. Sie soll regeln, was nicht zu regeln ist: Die Veränderung, die die Zukunft bringt. Wozu seitenweise Vertragswerke, wenn es dann letztlich am Ende doch heißt: „Wir wissen, dass wir nicht an alles denken können und das schreiben wir hier auch so hin“. Meine grundsätzliche Meinung ist daher: Verträge dienen nicht dem Vertragen, sie dienen dem Streiten. Warum sollte ich etwas unterschreiben, worin ich dokumentiere, dass ich bereit bin, mich mit der anderen Person zu streiten? Warum werden Verträge nicht einfach auf einem gemeinsamen Wertefundament mit Handschlag geschlossen, anstelle auf juristischen Fundamenten mit Pflichten, Androhungen und Strafen? Warum werden Geschäfte zwischen Menschen, also Kooperationen, die nur dem Zweck dienen sollten, ein besseres Miteinander auf dieser Welt zu schaffen, warum werden solche Geschäfte schon am Anfang mit „Wenn du das nicht machst, dann werde ich dich wie folgt bestrafen“ geschlossen? Welchen Wert haben diese Art Geschäfte? Welches Wertefundament haben die daran beteiligten Menschen? Wie soll auf Basis solcher Geschäftsabschlüsse, ein wertvolles Ergebnis erzielt werden? Verträge sollten auf Vertragen basieren, jedoch haben sie inzwischen grundsätzlich immer mehr mit Misstrauen, Ängsten und Vorurteilen zu tun, als mit dem Glauben an ein gemeinsames, für alle Beteiligten wertvolles Ergebnis.

Leider habe auch ich mal den Fehler gemacht, die Werte eines Kunden nicht genau genug zu hinterfragen: Ich habe dem Kunden eine Computeranlage geliefert und er hat sich danach geweigert, diese Anlage zu bezahlen. Nun hatte ich einen Eigentumsvorbehalt auf der Rechnung ausgewiesen, den ich allerdings leider beim Vertragsabschluss (Angebot und Bestellung des Kunden) nicht klar und unmissverständlich dargelegt hatte. Somit hatte ich aus juristischer Sicht wohl nur eine eingeschränkte Möglichkeit, das aufgrund der Zahlungsverweigerung mir immer noch gehörende Eigentum zurückzuholen. Das ganze ging allerdings noch weiter: So musste ich mir von einem Juristen erklären lassen, dass ich grundsätzlich erstmal keine Möglichkeit habe, diese Computeranlage zurückzufordern, da sie beim Kunden in Betrieb genommen wurde und somit eine wichtige Erwerbsbasis seines Unternehmens darstellen würde. Vielmehr müsse ich Klage einreichen und die Bezahlung der Computeranlage juristisch erwirken. Solche Klageverfahren dauern in Deutschland durchschnittlich zwei Jahre und möglicherweise überlebt dieser Kunde diese Zeit nicht oder er gibt mir die Anlage dann einfach nach zwei Jahren unbezahlt zurück. Der beratende Anwalt ging dann sogar noch einen Schritt weiter, in dem er mich fragte, warum ich den keine AGB – Allgemeine Geschäftsbedingungen hätte. Als ich ihm erklärte, dass ich WGB – wertebasierte Geschäftsbedingungen hätte, teilte er mir mit, dass diese Werte mir in diesem Fall nicht helfen werden. Nun, das haben sie letztlich doch. Da dieser Kunde sich weiterhin frech und provozierend weigerte, die Anlage herauszugeben, habe ich mich diesmal zwangsweise auf seine Welt eingelassen und ihn mit seinen eigenen Waffen geschlagen. Es ging mir inzwischen überhaupt nicht mehr um das Geld für die Anlage, es ging mir ums Prinzip. Und das entwurzelt grenzenlose nicht bremsbare Energie bei mir: Es ging jetzt um die Frage ob seine Werte-Welt „Ich stelle dir ein Bein, warte bis du hinfällst und dann bestehle ich dich“ die Richtige ist, oder meine „Ich stelle sicher, dass du erst gar nicht stolperst und weiß, dass du mich beim eigenen Stolpern stützen wirst“. Es ging also um mehr. Um viel mehr. Es ging um meine Lebensvision. Aufgrund dieser Dimension war er schon am Anfang des Kampfes chancenlos, denn ihm ging es nur ums Geld, also um deutlich weniger Energie. Wenn der andere fault, Sie es ihm sagen, kein Schiedsrichter pfeift und der andere dann wieder vorsätzlich und frech zum Faulen ansetzt, spätestens dann müssen Sie sich verteidigen! Das bedeutet hier: Schneller sein, den anderen vom Feld räumen und sicherstellen, dass er nicht wieder aufs Feld kommt. Ohne Kompromisse. Ohne Skrupel. Denn hier geht es letztlich um Ihr Leben. Dann lohnt sich der Kampf auch und dann kann er auch wertvoll sein, da sie andere davor schützen, dass solche Menschen morgen vor deren Unternehmenshaus stehen und sie bedrängen.

Jedenfalls haben wir aus dieser Situation gelernt und haben aus den WGB dann juristisch verwertbare AGB gemacht. Allerdings habe ich darauf bestanden, dass unsere AGB dann einen großen, umfangreichen ersten Absatz „Philosophie des Unternehmens“ erhalten. In diesem Absatz wurde unser Werteverständnis verankert. Dieser Absatz ist der eigentliche Kern unserer AGB. Sämtliche Mitarbeiter, Partner, Lieferanten und Kunden müssen sich mindestens zu diesem Absatz bekennen, schließlich sind es die allgemeinen Geschäftsbedingungen. Dieser Absatz ist mir auch viel wichtiger als all die folgenden, mit juristischen Spitzfindigkeiten gespickten, aus der Erfahrung von tausenden nicht wertebasierten Geschäftsbeziehungen entstandenen und nur im Ausnahmefall, im Nicht-Fall, im Unfall erforderlichen und dann im Zweifelsfall wahrscheinlich doch nicht hinreichend eindeutig beschriebenen Klauseln dargelegten möglichen Krankheiten einer Vertragsbeziehung. Ich halte das für absolut krank!

Dass es in unserer heutigen Geschäftswelt normal geworden ist, Verträge mit allen möglichen, denkbaren und undenkbaren Absurditäten zu versehen, vergiftet aus meiner Sicht jede Geschäftsbeziehung. Ich erkenne, dass dies bei anonymen Vertragspartnern sinnvoll sein kann, bei nicht anonymen Vertragspartnern halte ich das für unnötig. Wenn ich auf 25 Jahre Geschäftstätigkeit zurückblicke, dann erinnere ich mich an drei bis vier solcher Fälle, in denen ich diese Bestimmungen wirklich benötigt hätte. In den anderen, einigen tausend Projekten sind sie schlichtweg Zeit- und Energieverschwendung. Ist es nicht im Falle einer nicht persönlich auflösbaren Meinungsverschiedenheit vielmehr ehrlicher zu sagen: „Da habe ich mich wohl im Wertefundament der anderen Person geirrt. Es war mein Fehler und dafür muss ich logischerweise bezahlen.“. Was ich damit sagen möchte: Vergessen Sie die Vertrags-Grundlagen! Legen Sie die AGB zur Seite. Ignorieren Sie Dokumente, wo drin steht „Wenn du nicht das und das machst, dann werde ich…“. Konzentrieren Sie sich auf das von beiden Seiten angestrebte Ergebnis. Beschreiben Sie dieses und fokussieren Sie allein darauf. Vergeuden Sie keine Zeit damit, über Eventualitäten nachzudenken: Wenn beide Seiten wirklich wertebasiert sind, dann können Sie das im Fall des Falles immer noch machen. Warum ich das so wichtig finde? Nun, über negative Konsequenzen nachzudenken, erzeugt negative Energie und diese frisst ein Vielfaches an positiver Energie auf! Wenn Sie also der Meinung sind, dass Sie mit einem Kunden keinen Handschlag-Vertrag machen könnten, dann lassen Sie erstmal den gesamten Geschäftskontakt. Investieren Sie mehr Zeit in die Frage nach seinem Wertefundament. Lernen Sie Ihren potentiellen Kunden besser kennen und schließen Sie erst dann den Handschlag-Vertrag. Ich kann jedenfalls dadurch deutlich besser schlafen, denn ich will und muss mich nicht dafür „absichern“, was passieren oder nicht passieren könnte: Bei wertebasierten Handschlag-Verträgen gibt es immer eine Lösung für alle möglichen und unmöglichen Problemfälle: Beide schauen sich die Problem-Situation an und schaffen eine Lösung mit der beide Seiten leben können, vor dem Hintergrund der Frage, was sie getan hätten, wenn sie dieses Problem hätten vorhersehen können. Also ganz einfach. Überflüssiges entfällt. Die Lösung rückt in den Vordergrund. Eigentlich reicht dann ein Satz für den Vertrag aus: Die salvatorische Klausel, die eine wertebasierte Lösung fokussiert. Noch ein Nachsatz: Wenn Sie Verträge schließen, die diese juristischen Konsequenzen umfassen, dann wäre das so, als ob Sie Ihren heranwachsenden Kinder alle denkbaren Krankheiten, Unfälle und Behinderungen lange, breit und mit den grässlichsten Bildern erklären würden und ihnen dann viel Glück auf dem Weg wünschen würden. Angst zerstört jeden Lebensmut. Angst tötet Energie. Angst frisst die Seele auf. Langfristig betrachtet sind wir alle tot, nur der Weg dahin kann voller Angst oder voller Freude sein. Sie entscheiden selbst. Damit meine ich nicht Naivität und Leichtsinn. Ich meine vernünftige Sicherheit für das sehr Wahrscheinliche unter Berücksichtigung des Rechtsraumes, in dem Ihr Unternehmenshaus steht.

Was steht in Ihren AGB und Verträgen? Wie sind Ihre Werte dort verankert? Würden Sie mit einem Menschen, den Sie nicht kennen und der solche AGB und Verträge hat und dem das offensichtlich wichtig ist, würden Sie einem solchen Menschen vertrauen? Warum haben Sie dann diese Vertragsbedingungen? Warum gleichen Sie sich dem Strom der anderen an? Das ist normal? Nun, Sie lesen dieses Buch, weil Sie ein besonderer, ein ungewöhnlicher Mensch sind und weil Sie ein ganz außergewöhnliches, exzellentes Unternehmen bauen möchten! Oder? Wenn ja, dann zeigen Sie das auch durch Ihr Verhalten! Brechen Sie mit den Regeln, die nicht in Ihr Wertebild passen. Leben Sie Ihre Werte und geben Sie damit anderen die Möglichkeit, Ihr Wertefundament zu erkennen. Aber wie beschreibe ich nun mein Wertefundament?

Meine Werte
Gemeinsame Werte schaffen eine neue Dimension in der zwischenmenschlichen Beziehung und in der Zusammenarbeit. Sie schaffen ein Bewusstsein und eine Seele des Unternehmens, sie machen ein Unternehmen zu einem Lebewesen. Ein Lebewesen, um das sich alle bemühen, das alle pflegen, füttern und wachsen sehen möchten. Ein Lebewesen, für das es sich lohnt, auch schwierige Phasen gemeinsam durchzustehen. Ein Lebewesen, für das jeder gerne und empathisch motiviert handelt. Daher ist es so wichtig, sich seiner eigenen persönlichen Werte bewusst zu sein. Ich empfehle daher, diese eigenen Werte schriftlich festzuhalten. Erst wenn ich meine eigenen Werte kenne und für mich festgelegt habe, kann ich diese zum Fundament des Unternehmenshauses werden lassen.

Was ist ein guter Weg, seine eigenen Werte zu ermitteln? Hierzu diente mir die Beantwortung der untenstehenden Frage. Bevor Sie diese Frage lesen und beantworten, möchte ich Ihnen noch einen wichtigen Hinweis geben: Lesen Sie die Frage und schreiben Sie sofort (!) auf, was Ihnen in den Sinn kommt. Überlegen Sie nicht, sondern antworten Sie instinktiv! Es geht um Ihre innere Einstellung, um Ihre tatsächlichen Werte. Es geht nicht darum, was möglicherweise andere von Ihnen erwarten, sondern es geht um Sie selbst. Es geht darum, dass Sie mehr über sich selbst erfahren. Sie müssen das danach nicht veröffentlichen, sie könnten. Sind Sie bereit? Stift in der Hand? Ungestörter Ort und genügend Zeit? Okay. Hier ist die Frage (Anmerkung: Sie finden diese Frage mit Platz für Antworten auch am Ende dieses Kapitels): Was ist für mich von hohem Wert? Schreiben Sie ruhig viele Punkte auf, die für Sie von hohem Wert sind. Dann fragen Sie sich: Was genau meine ich mit diesem Wert? Schreiben Sie es auf! Anschließend bewerten Sie diese: Geben Sie jedem Wert eine Gewichtung von 1 (weniger wichtig) bis 5 (sehr wichtig). Welche sind Ihre 3-5 wichtigsten Werte? Lesen Sie diese Werte nochmals laut vor: Wie fühlen Sie sich dabei? Ein gutes Gefühl, oder? Wie sähe Ihr Leben aus, wenn Sie sich dauerhaft und überwiegend an diesen Werten orientieren und danach handeln würden? Wäre es ein besseres, ein schöneres Leben für Sie?

Und damit kommen wir zur zweiten wesentlichen Frage, deren schnelle, intuitive und schriftliche Beantwortung ich empfehle: Was würden Sie aktiv tun, um diese Werte zu leben? Ich halte die Beantwortung dieser Frage für noch schwieriger als die erste Frage. Häufig ist es so, dass wir andere Menschen danach beurteilen, was sie tun und nicht danach was sie sagen. Bei uns selbst ist das meistens anders: Wir neigen dazu, uns selbst danach zu beurteilen, was wir denken bzw. sagen und nicht danach, was wir letztlich dann auch tun. Ins Handeln kommen ist anstrengend. Beim Denken existiert keine Schwerkraft: Die Synapsen übertragen Reize wie Lichtimpulse, ohne dass die Schwerkraft, der Luftwiderstand oder ein physikalisches Hindernis sie bremsen. Zu denken ist somit mindestens 10.000 Mal leichter, als zu handeln. Nur denken alleine verändert nichts. Es ist der Anfang von Sagen und Tun, aber eben auch nur der Anfang. Beim Sprechen, beim Beschreiben, beim Erläutern bringe ich Gedanken in eine neue Form: Es wird Materie bewegt und Energie wird gewandelt. Es entsteht der erste Energiefluss, der etwas verändert. Es selbst dann auch noch zu tun, ist der letzte und der größte weil energieintensivste Schritt: Es wird real. In diesem Fall: Die Werte werden dann gelebt. Sie werden sichtbar. Sie offenbaren sich. Wenn ich mir meiner Werte bewusst bin, gedanklich meine darauf basierenden Taten geplant habe und ich diese dann auch so umsetze, dann und erst dann gelange ich zu einem Glücksgefühl. Innen und außen sind dann in Harmonie. Ich gehe völlig in der Tätigkeit auf. Gedanken, Sagen und Tun sind im Einklang. Ich vergesse Raum und Zeit. Ich bin im Flow, also in einem Zustand, in dem ich meinen maximalen Wirkungsgrad erreiche. Wo ich mich weder unter- noch überfordert fühle. Alles, was ich in diesem besonderen, einzigartigen Zustand schaffe, ist von besonderem, von sehr hohem Wert. Von hohem Wert für mich und für die Menschen, mit einem ähnlichen Wertefundament. Diese Leistungen, die Ergebnisse solcher Schaffensmomente sind das, was viele Menschen als exzellent und außergewöhnlich empfinden und dies dann auch entsprechend für Sie so einstufen. Dahinter steckt auch die Frage, um die es letztlich im persönlichen und unternehmerischen Umfeld geht: Wer hat ein ähnliches oder sogar dasselbe Wertefundament wie ich? Genau diesen Menschen kann ich besonderen, einzigartigen Nutzen geben. Genau für diese Menschen steht meine UBP (Unique Benefit Proposition). Menschen mit einem deutlich anderen, möglicherweise völlig konträren Wertefundament werden diese Werte, diesen Nutzen nicht erkennen. Diese sollten Sie nicht in Ihr Unternehmenshaus einladen.

Der erste Schritt zum Wertefundament ist damit getan: Ich bin mir meiner eigenen Werte bewusst. Wie erkenne ich die Werte der anderen?

Werte des anderen
Es kann und sollte nicht immer erst zu einer Stress- oder Konfliktsituation kommen, um die Werte des anderen erkennen zu können. Ein sehr guter Weg ist es, andere Menschen zu befragen, die diese Person gut kennen. Wenn Sie hierbei Menschen fragen, deren Wertefundament sie kennen, dann können Sie auch dessen Einschätzung sehr gut einstufen. Fragen Sie also ganz einfach: „Ich habe Kontakt zu … Was meinst du, ist ihr/ihm von hohem Wert?“. Es ist sehr wichtig, dass Sie Menschen einschätzen, bevor diese fest in Ihr Unternehmenshaus einziehen. Ein falscher, weil nicht wertebasiert lebender und handelnder Mitbewohner im Unternehmenshaus kann Sie den gesamten Hausfrieden kosten: Eine faulige Frucht verdirbt den gesamten Korb. Das gilt natürlich ganz besonders für Ihre Mitarbeiter, aber auch für Ihre Geschäftspartner, Lieferanten und auch für Ihre Kunden.

Der 70.Geburtstag
Sie kennen nun Ihre persönlichen Werte, Sie haben eine Vorstellung davon, was Sie tun können um diese Werte zu leben, nun fehlt noch die wichtige Frage „Wozu?“, also die Frage nach Ihrer persönlichen Lebensvision. Nach den langfristigen Zielen. Ich denke, dass das eine der schwierigsten Fragen überhaupt ist, weil letztlich zielt sie auf den Sinn des Lebens. Hierbei insbesondere erschwerend auch noch den Sinn des eigenen Lebens. Als Nicht-Philosoph, als Ingenieur, bevorzuge ich hierbei einen pragmatischen, ergebnisorientierten Ansatz zur Beantwortung dieser zentralen Frage. Diesen Ansatz habe ich zum ersten Mal bei Stephen Covey „Der Weg zum Wesentlichen“ kennengelernt. Er lautet: Der 70.Geburtstag.

Es ist mein 70.Geburstag. Meine Frau ist eingeladen, mein Sohn, dessen Frau und Kinder, meine Verwandten, Freunde, Kollegen, die Geschäftspartner und Lieferanten und natürlich auch Mitarbeiter der Kunden sind eingeladen. Ich stelle die Personen nur kurz mit Namen und persönlichem Bezug zu mir vor, danach hält jeweils ein Vertreter dieser Gruppen eine Rede. Was werden sie sagen? Werden sie davon berichten, dass ich der am meisten gestresste Mensch war? Dass ich auch deswegen niemals Zeit für andere Menschen hatte? Werden sie sagen, dass ich das meiste Geld in der kürzesten Zeit verdient habe? Werden sie über ein großes Auto oder Haus mehr erzählen als über mich? Oder werden sie sagen, dass ich hilfsbereit war, wann immer es notwendig war? Dass ich immer mehr anderen gegeben habe als ich selbst von anderen zurück erwartet habe? Dass mir Offenheit, Ehrlichkeit und Fairness wichtiger waren als z.B. wirtschaftlicher Zugewinn? Dass ich es gerade auch in schwierigen Situationen immer wieder geschafft habe, mich an meinen Werten zu orientieren?

Das, was die anderen an diesem 70.Geburtstag über mich sagen, ist von mir frei gewählt worden! Es war meine Entscheidung, dass die anderen mich so sehen. Ich habe das so gewollt. Bewusst oder unbewusst, aber es war einzig und allein meine Entscheidung.

Wie lange bleibt mir noch bis zu diesem 70.Geburtstag? Das Vergangene kann ich nicht mehr verändern. Da war sicherlich viel Gutes dabei, aber bestimmt gab es auch Situationen, wo ich denke, das hätte auch anders, auch besser laufen können. Nur: Ich kann es nicht mehr ändern sondern nur für mein zukünftiges Handeln daraus lernen. Was möchte ich persönlich von jetzt an, von diesem Augenblick an, in meinem Leben verändern, um meiner persönlichen Vision vom 70.Geburtstag einen Schritt näher zu kommen? Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.

Für mich persönlich bedeutete dies einen Perspektiven-Wechsel. Mein Handeln war oft nach innen gerichtet: Mein Handeln sollte eine Verbesserung meiner persönlichen Situation herbeiführen. Seitdem ich aktiv daran arbeite, mein Handeln nach außen zu richten und die Verbesserung der Situationen der mir wichtigen Menschen in den Vordergrund rücke (ohne mich selbst dabei zu vergessen), erhalte ich wesentlich mehr zurück, als ich jemals mir selbst allein hätte geben können. Durch „Mehr-Wert Geben“ habe ich „Noch-Mehr-Wert erhalten“ bekommen. – Wer freut sich am Weihnachtstag mehr über die Geschenke, die Kinder mit glitzernden Augen auspacken: Das Kind oder die Eltern? – Kurzfristig: Das Kind; langfristig: Die Eltern. Was ist somit nachhaltiger: Geben oder Nehmen? Und noch wichtiger: Wer ist eigentlich derjenige, der dann letztlich auch mehr Wert dadurch behält?

Meine persönliche Vision ergibt sich aus diesem Bild meines 70.Geburtstags. Meine Mission, also mein Leitbild für die Umsetzung dieser Vision, ergibt sich aus der Frage, was ich heute und morgen tun kann, um diese Erfüllung dieser Vision wahrscheinlicher zu machen. Dazu dient meine persönliche lang-, mittel- und kurzfristige Planung. Dieses Thema wird im letzten Kapitel „Ich“ sehr ausführlich besprochen, daher möchte ich hier nicht weiter darauf eingehen. Wie sieht Ihr 70.Geburtstag aus? Was werden Sie heute und morgen tun, um diesen Geburtstag so vorzubereiten?

Gemeinsame Werte
Das Fundament vom Unternehmenshaus basiert nicht nur auf meinen persönlichen Werten, meinen darauf basierenden Taten zur Umsetzung und meiner persönlichen Vision. Es basiert vielmehr auf den gemeinsamen Werten, Mission und Vision. Dies berücksichtigt somit nicht nur einzelne Personen, sondern alle im Unternehmenshaus lebenden Menschen. Da die wesentlichen Akteure Ihre Mitarbeiter, ihr Team sind, hat sich folgende Vorgehensweise zur Bestimmung dieser gemeinsamen Werte, Mission und Vision in der Praxis bewährt: Lassen Sie jeden Mitarbeiter Ihres Teams selbst ihre eigenen persönlichen Werte, Mission und Lebensvision für sich selbst beschreiben. Danach laden Sie zum Workshop „WMV – Werte, Mission, Vision“ ein. Dort starten Sie dann ein Brainstorming mit allen Anwesenden. Brainstorming bedeutet: Alle Ideen sind erlaubt. Es wird erstmal keine Idee bewertet oder kommentiert. Alle Ideen von allen Anwesenden werden schriftlich festgehalten. Es gibt eine feste Zeit für das Brainstorming. Erst danach wird diskutiert, hinterfragt, kommentiert und bewertet (gewichtet). Die Frage für das Brainstorming lautet: „Was ist für unser Unternehmen von hohem Wert?“. Nach der Sammlung der Werte werden diese von der Person, die diese Idee aufgebracht hat, erläutert, also genau dargestellt, was dieser Wert bedeutet und was damit gemeint ist. Es kann dann auch offen diskutiert und kommentiert werden. Dies ist übrigens eine der spannendsten Phasen in der Teamarbeit: Jetzt kommen oft die unterschiedlichen Werte-Verständnisse und damit möglicherweise auch unterschiedliche Wertefundamente zum Vorschein.
Nachdem alle Werte erläutert wurden, werden diese gewichtet. Hierzu vergibt jeder Anwesende jeweils für jeden Wert eine Gewichtung von 1 (weniger wichtig) bis 3 (sehr wichtig), z.B. durch Aufzeigen der entsprechenden Fingerzahl. Diese Gewichtungen der Anwesenden werden addiert und ergeben so die gemeinsame Gewichtung des Wertes. Die drei bis fünf Werte mit der höchsten Gewichtung repräsentieren dann die Unternehmenswerte. Sie werden nochmals separat aufgeschrieben und jeder Anwesende soll darlegen, wie er sich dabei fühlt und ob er sich mit diesen Werten identifizieren kann. Idealergebnis ist natürlich, dass die Unternehmenswerte sehr nah an den persönlichen Werten der Anwesenden liegen und so ein gemeinsames Wertefundament bilden. Im Team wird dann die nächste Frage diskutiert: „Wie sieht unser Unternehmen aus, wenn wir uns auf diese Werte konzentrieren?“ Durch diese Diskussion wird eine Verankerung der Werte erreicht. Freude, Energie, Optimismus sollen damit dann verbunden werden und die persönlichen Werte sollen sich in den Unternehmenswerten wiederfinden. Wenn es sich allerdings zeigen sollte, dass die Unternehmenswerte doch weit von einzelnen persönlichen Werten entfernt oder sogar denen entgegenstehen, dann ist es an der Zeit, über getrennte Häuser nachzudenken.

Anschließend folgt die Frage, die aufs Handeln abzielt: „Was werden wir aktiv tun, um diese Werte zu leben?“ Diese Frage zielt auf die Mission, das Leitbild des Unternehmens ab. Allerdings benötigen wir für eine wirksame Mission eine Vision, also ein Bild von dem, was wir durch wertebasiertes Tun erreichen wollen. Daher kommt vor der Mission noch der Zwischenschritt der Schaffung einer Vision. Was genau ist eine Vision?

Die Vision
Alles wird zweimal erschaffen: Erst mental, dann physisch. Wenn ich ein Bild von dem vor Augen habe, was ich erschaffe möchte, dann kann ich es auch wirklich erzeugen. Wenn dieses Bild sehr klar und eindeutig ist, dann ist auch mein Weg dorthin definierbar. Wenn dieses Bild unklar und verschwommen ist, wird auch mein Weg nicht eindeutig sondern undeutlich sein. Es ist wie bei einem Künstler, z.B. einem Bildhauer: Für den Bildhauer ist die Figur von Anfang an klar erkennbar: Während alle anderen einen großen Stein sehen, sieht er schon seine perfekte Skulptur. Er muss dann nur noch das überflüssige Material abzuschlagen, mehr nicht. Das macht den wesentlichen Unterschied aus: Das fertige Ergebnis schon von Anfang an ganz klar und deutlich zu sehen.

Eine Vision ist somit ein Bild der Zukunft, so wie ich die Zukunft sehe (lat. videre – sehen). Dieses Bild darf unrealistisch erscheinen, es muss aber noch so realitätsnah sein, dass es nicht von vornherein ausgeschlossen werden kann. Die Vision soll eine Begeisterung für die Zukunft erzeugen, es soll eine neue Wirklichkeit verbildlichen, die erstrebenswert ist. Somit eine bessere, eine schönere Welt schaffen.

In erfolgreichen Unternehmen werden Visionen oft gelebt, ohne dass diese schriftlich (oder bildlich) festgehalten sind: Die Mitarbeiter streben nach gemeinsamen Idealen, was sich nicht nur in ihrem Sagen sondern auch in ihrem Handeln zeigt. Diese Vision dann in Worte (oder Bilder) zu fassen ist sehr schwierig, aber schon allein die Arbeit daran lohnt, denn es schafft mehr Bewusstsein über die gemeinsamen Wünsche und damit mehr Energie. Eine gemeinsame Vision zu haben bündelt Aufmerksamkeit und schafft die Basis für eine fokussierte, ergebnisorientierte Kooperation. Wie bei einem Laserstrahl, der seine gesamte Energie auf geringem Raum konzentriert, konzentrieren sich dann alle auf die Verwirklichung dieser Vision. Mit äußerlich sichtbarer Energie aber insbesondere auch mit unsichtbarer innerer Energie. Die Überzeugung, etwas Wichtiges, etwas Bedeutendes für mich und andere zu schaffen, erzeugt erheblich mehr Energie beim Gehen des Weges. An einer inspirierenden Vision gemeinsam mitzugestalten schafft gemeinsam mehr. Es schafft eine neue, bedeutende, gemeinsame Dimension für das Arbeitsumfeld. Idealerweise geht jeder in der Tätigkeit der Umsetzung dieser Vision auf. Die Kraft einer starken Vision kann gar nicht überschätzt werden! Es geht um mehr, als nur ein Ergebnis. Es geht um mehr, als nur Erfolg. Es geht letztlich um mehr Glücks-Empfinden für die Beteiligten: Ein Erfolg, ein Ergebnis zu erzielen, das macht mich kurzfristig glücklich. An einer großen, weltverbessernden Zukunft mitzugestalten und völlig in dieser Tätigkeit aufzugehen, ist das eigentliche Glück, was leider viel zu wenige Menschen mit Ihrer beruflichen oder unternehmerischen Tätigkeit verbinden. Es ist aber genau das, was gute oder sehr gute Unternehmen von exzellenten Unternehmen unterscheidet: Das Streben nach dem Glück für alle Beteiligten. In einem einzigartigen Team zu arbeiten, an einer gemeinsamen besonderen, besseren Zukunft mitzugestalten, dieses Tun schafft dieses Glück. Nicht erst das Erreichen des Ziels, sondern bereits der Weg dorthin ist dann ein Glückspfad.

Viele Unternehmen beschäftigen sich mehr mit ihrer Vergangenheit, also was sie bereits wie erreicht haben, als mit ihrer Zukunft, also was sie noch erreichen wollen. Es ist ja auch viel einfacher zurückzublicken und zu dokumentieren, als nach vorne und neu mental zu erschaffen. Allerdings ist die Vergangenheit endlich, nicht beeinflussbar und damit in mehreren Bedeutungen beschränkt. Die Zukunft ist unendlich, beeinflussbar und damit unbeschränkt. In der Vergangenheit leben Menschen, die ihr Leben nicht mehr gestalten wollen. Für die Zukunft leben Menschen, die ihr Leben aktiv gestalten wollen und es auch dafür einsetzen, ein besseres Miteinander zu erreichen. Daher ist es auch alles andere als leicht, eine solche motivierende, weltverbessernde und gemeinsame Vision zu erarbeiten. Aber wenn es leicht wäre, dann hätten es viele Unternehmen ja auch getan und es wäre nichts Besonderes mehr. Wie kann ich eine Vision für mein Unternehmen erschaffen? Was sind gute Beispiele von inspirierenden Visionen?

Auf den Mond und gesund wieder zurück
Es war John F. Kennedy der die Vision verkündete „Ein Mann auf den Mond und gesund wieder zurück“. Zu dem Zeitpunkt dieser Vision, in den 60er Jahren, hat sie eine enorme, eine gerade explosionsartige Energie bei den Amerikanern freigesetzt. Ging es doch letztlich nicht nur um die technische Machbarkeit dieses damals unglaublichen Vorhabens, sondern auch um die Frage nach der richtigen Form des Zusammenlebens in Gesellschaften. Es ging also um tiefsitzende Ideologien, um Überzeugungen, um Konkurrenzkampf, um Wettbewerb. Der erste Mensch auf dem Erdtrabanten, die Fahne des Landes in den Mondstaub zu stecken, das hatte unglaubliche Energie! Alle Amerikaner verrichteten ihre Arbeit danach nicht nur für ihr eigenes Einkommen, ihr Unternehmen, sondern insbesondere auch für ihr Land. Steuern wurden wohl zu dieser Zeit noch nie lieber gezahlt, da sie in diese gemeinsame Vision flossen. The American Spirit wurde sicherlich auch durch diese Vision gestärkt und geprägt. Eine ganze Nation hinter einer Vision. Warum sollte das dann nicht auch in meinem Unternehmen möglich sein? Welche Energie würde eine solche Vision in meinem Unternehmen freisetzen? Was würde das für mich, das Unternehmen und insbesondere für die Kunden des Unternehmens bedeuten? Eine solche Vision bedeute deutlich mehr als nur ein paar Worte. Eine Vision kann pure Energie sein und erheblich wertvoller sein als Geld. Es geht um mehr, daher leisten alle Beteiligten auch mehr.

Ein PC auf jedem Schreibtisch
Die Vision „Ein PC auf jedem Schreibtisch“ wird Bill Gates zugeschrieben. Zu dem damaligen Zeitpunkt war dies mehr als unrealistisch: Viel zu groß, zu teuer, zu stromfressend. Kaum Anwendungen, die „normale“ Menschen hätten nutzen können. Heute ist das nicht nur Realität, es geht inzwischen deutlich darüber hinaus: Wir haben nicht nur einen PC auf jedem Schreibtisch, sondern ständig einen PC in der Tasche: In der westlichen Welt gibt es inzwischen mehr mobile Telefone, mehr Smartphones als Anwender. Damit ist es erreicht, dass jeder mindestens einen Computer ständig bei sich trägt. Und das zusätzlich zum PC auf dem Schreibtisch, dem Tablet auf dem Couchtisch und dem Bedienterminal der Heizungssteuerung. Eine Vision, über die damals die meisten Menschen gelacht haben, hat eine enorme Energie freigesetzt. Verbunden mit der klaren Vorstellung des Weges dorthin, insbesondere der Freigabe des Microsoft-Betriebssystems MS-DOS für beliebige PC-Plattformen, hat diese Vision Realität werden lassen. So hätte Microsoft damals auch entscheiden können, dass MS-DOS ausschließlich auf IBM-Rechnern installiert werden darf, wodurch es aufgrund der deutlich höheren Preise von IBM-Systemen zu keiner so weiten Verbreitung in so kurzer Zeit gekommen wäre. Microsoft hat aber an dieser klaren Vision festgehalten und auch den kurzfristigen, wirtschaftlich höheren eigenen Nutzen dieser Vision untergeordnet. Konsequent und letztlich zum Wohl der Menschen. Schon allein aus dieser Konsequenz heraus, gebührt Microsoft und damit ihren Gründern jeder Respekt und Anerkennung.

Spülen ohne Wasser
Wie wäre es, wenn man Geschirr ohne Wasser spülen könnte? Was würde das für die Umwelt, für die Kosten, für die Spülmaschine und dessen Verwendungsgebiete bedeuten? Unmöglich? Ungewöhnliches ist möglich! Die Firma Hobart hat genau diese Vision: Eine Geschirrspülmaschine zu schaffen, die kein Wasser verbraucht. Innovation, Wirtschaftlichkeit und Ökologie werden in dieser Vision ideal vereint. Heute benötigt eine moderne Geschirrspülmaschine nur noch 40% der ursprünglichen Menge an Wasser. Warum sollte sich das nicht weiter verbessern lassen? Warum sollte es nicht andere Verfahren geben, um Geschirr zu reinigen? Wie wäre es mit Laserstrahlen, die den Dreck von den Tellern schießen? Wie wäre es mit sehr kleinen Putzrobotern (Nano-Roboter), die mit kleinen Bürsten, die Teller putzen und dabei kein Wasser verwenden? Diese Vision schafft Gemeinsamkeit. Alle Menschen, die in und für dieses Unternehmen arbeiten, wissen und spüren, dass es um mehr als nur eine Geschirrspülmaschine geht. Diese gemeinsame, inspirierende Vision schafft den Teamgeist, den Spirit, den außergewöhnliche Leistungen benötigen. Wie lautet die Vision Ihres Unternehmens?

…and your work flows
Unsere Vision lautet „Alle Mitarbeiter aller Unternehmen lassen ihre Arbeit fließen.“. Wir meinen damit eine Verwandlung von Arbeit in ein Glücksgefühl. Wenn Menschen in ihrer Tätigkeit aufgehen und beim Tun, beim Arbeiten, Raum und Zeit vergessen, dann sind die Ergebnisse die bestmöglichen. Dann sind diese Menschen “im Flow”. Alles ist sofort einfach verfügbar, es fließt und ist harmonisch. Die Arbeit geht leicht von der Hand, strengt nicht an und macht enorm viel Spaß. Wir wollen, dass Arbeit Spaß macht. Sicherlich soll sich das Arbeitsumfeld an den Geschäftsprozessen orientieren, viel wichtiger ist es aber, dass es ein Umfeld bietet, in dem die Menschen persönlich kreativ und konstruktiv etwas Neues, etwas Besseres schaffen können. Auf der Basis von Geschäftsprozessen, von Workflows, wandeln wir Arbeit in Genuss-Zustände, wir verwandeln work in flow. Das meinen wir mit “Work flows”: Wenn Prozesse einfacher werden. Wenn man nicht mehr darüber nachdenken muss, wie man etwas macht, sondern die Arbeit einfach funktioniert. Unsere Vision ist es, dass alle Menschen sagen, dass sie Arbeit nicht mehr als Arbeit empfinden. Arbeitszeit ist ein wertvoller Teil der eigenen Lebenszeit. Es wird zum mit Geld vergüteten Teil der freien Zeit, also zu veredelter Freizeitbeschäftigung. Der Begriff Arbeit existiert in seiner heutigen Bedeutung dann nicht mehr: Hurra es ist Montag und ich darf wieder meiner veredelten Freizeitbeschäftigung nachgehen! Wie würde sich eine solche Gesellschaft ohne Jammern und Klagen sondern mit Freude und Begeisterung anfühlen? Ich werde jede Energie aufbringen, die mich näher an diese Welt heranführt. Erst bei mir im Unternehmenshaus, dann bei meinen Nachbarn und anschließend überall.

Wie kann ich eine gemeinsame Vision mit meinem Team erarbeiten?

Vision im Workshop
Ich möchte hier eine sehr gute Methode zur Erarbeitung von Themen vorstellen. Diese Methode geht auf Vera F. Birkenbihl zurück. Hierbei werden die Buchstaben des Kernthemas in Großbuchstaben aufgeschrieben und jeder schreibt zu jedem einzelnen Buchstaben, dass was ihm hierzu sofort und intuitiv einfällt. Beim Wort „Vision“ wären das also die Buchstaben V-I-S-I-O-N. Und Ergebnisse dazu könnten also lauten: Voran, vielsagend, visuell; intelligent, integriert, ich; sozial, super, sauber; integer, Inspiration, intelligent; Orientierung, optimal, organisiert; nachhaltig, Nutzen, neu Diese Methode lässt sich gerade bei einem so schwierigen Thema wie „Vision“ sehr gut im Workshop verwenden: Die Teilnehmer sollen dieses Wort aus ihrer Sicht durch Interpretation der Buchstaben hinterfragen. „Was steckt für dich da drin?“. Danach werden die genannten Beschreibungen diskutiert. Es entsteht daraus ein gemeinsames Verständnis für die Interpretation dieses Begriffes.

Damit ist das Fundament des Unternehmenshauses geschaffen: Werte, Mission und Vision tragen und ertragen die statischen, sozialen und wirtschaftlichen Lasten des Unternehmens. Sie bilden das meist von außen unsichtbare Fundament ohne dass es kein Haus geben würde. Im nächsten Kapitel geht es dann um das Dach des Hauses: Die Ziele des Unternehmens.

Weiterlesen 3. Ziele

Hier haben Sie die Möglichkeit sich das PDF zum Kapitel herunter zu laden. Eine Aufgabe zu diesem Kapitel finden Sie am Ende des Dokuments.

Werte-Mission-Vision   Werte-Mission-Vision